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Ein Bürgerbus startet durch

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Ruth Brockhausen hat ein Abo für die erste Reihe. Gleich schräg hinter dem Busfahrer sitzt die 91-Jährige - damit der Weg zum Ausstieg möglichst kurz ist. Zwei kleine Jutebeutel baumeln schlaff an ihrem Rollator. Sie brauche nicht viel zum Leben. Zum Einkaufen fährt sie trotzdem regelmäßig. Jede Woche dienstags, einmal vormittags, einmal mittags, immer nach Senden und wieder zurück in ihr Zuhause nach Bösensell. Und immer mit dem kleinen Bürgerbus, denn der andere, der größere Bus, fahre hier ja nicht mehr, sagt sie ein wenig empört und ganz so, als müsse dies jedermann wissen. Auch warum der alte Bus den Stadtteil nicht mehr anfährt, ist ihr völlig klar. „Wie wohnen ja hier am Arsch der Welt“, kichert sie und klettert alsbald in Bösensell aus dem Mercedes Sprinter. Das drastische Urteil der humorigen Seniorin mögen in Senden gewiss nicht alle Menschen teilen. Doch es beschreibt eine Entwicklung, die nicht nur die westfälische Kleinstadt erreicht hat.

Fast überall in Deutschland dünnt in ländlichen Gegenden der öffentliche Nahverkehr aus. Die Sendener indes mochten dabei nicht tatenlos zusehen. Vor zwei Jahren scharte der ehemalige Geschäftsführer eines Unternehmens des Deutschen Golfverbands Klaus Dallmeyer ein Handvoll Bürger um sich. „Wir haben uns gedacht, dann machen wir das eben selbst“, erzählt der 68-Jährige. Also gründeten sie den Verein Bürgerbus Senden. Mit finanzieller des Landes und nach dem Vorbild anderer Gemeinden brachten sie vor gut einem Jahr einen Neunsitzer auf die Straße. „Anfangs haben wir mit knapp 5000 Fahrgästen pro Jahr gerechnet, in diesem Jahr kratzen wir an der 20.000er-Grenze“, erzählt der Vereinsvorsitzende Dallmeyer. 3300 Stunden jährlich ist der Bus auf der Straße.


Die Gründe für den Erfolg: Eine Tour ist mit einem Fahrpreis von nur einem Euro unschlagbar günstig. „Der Preis ist natürlich nur möglich, weil alle der gut 60 Vereinsmitglieder ehrenamtlich arbeiten. 33 von ihnen sind Fahrer, einer von ihnen ist Johannes Wunsch, 66 Jahre alt. Dreieinhalb Stunden dauert seine Schicht auch heute, an einem diesigen Oktobertag. Alle 14 Tage ist er einmal an der Reihe. Vorhin hat er Ruth Brockhausen aus dem Bus geholfen. Jetzt ist sein Sprinter auf der Rückfahrt von Bösensell nach Senden leer. Da hat er Gelegenheit zu reden. „Der Fahrerjob ist Ehrensache. Ich lebe seit Jahrzehnten in Senden. Jetzt bin ich in Rente. Da ist es an der Zeit, den Leuten in der Gemeinde etwas zurückzugeben. Mein Lohn ist die Anerkennung, die mir durch die Fahrgäste zu Teil wird“, sagt er stolz. Doch so mancher versucht auch, beim Einsteigen zu tricksen.

Möglich ist dies, weil im Bus neben der Ein-Euro-Fahrkarte auch das personalisierte Ticket des Verkehrsverbunds gültig ist. „Da hält mir schon mal jemand ein Ticket mit dem Namen Elvira unter die Nase, aber wenn ich der vermeintlichen Elvira dann ins Gesicht sehe, stelle ich fest, dass sie ein Mann ist“, erzählt Wunsch. Doch solche Mätzchen sind die Ausnahme. „Fast alle schätzen unser Engagement“, sagt Wunsch.

Das bestätigt Chigozie Ernest Onu. Der gebürtige Nigerianer, der seit mehr 20 Jahren in Deutschland lebt, hat auf der letzten Sitzreihe im Neunsitzer Platz genommen. Auch er fährt hier regelmäßig, zu welchem Zweck, das will er nicht verraten. Der Bürgerbus sei „sehr wichtig und fördere zudem das Gemeinwesen, denn ohne ihn kämen die Sendender kaum in die ansonsten schlecht angebunden Stadtteile und somit auch weniger ins Gespräch“.Oder aber sie greifen dafür tief in die Tasche. Ein Taxi von Senden etwa nach Bösensell kostet wegen der langen Anfahrt gut 20 Euro. Der letzte Taxi-Unternehmer im Ort hat längst aufgegeben.

20 Euro kann auch Nasar Ahmad nicht zahlen. Jeden Tag fährt der Flüchtling aus Afghanistan gemeinsam mit drei Mitschülern aus Syrien seit einem Jahr mit dem Bus zum Deutschunterricht. Er wünscht sich ein größeres Fahrzeug, denn schon einmal war der Bus voll. Daher kam Nasar Ahmad zu spät zum Kurs. Und so blieb nichts ihm anderes übrig, als auf den sogenannten Verstärkerbus zu warten.

Für diesen Ersatzverkehr hat Klaus Dallmeyer gesorgt. Der Vorsitzende hat für solche Fälle einen Vertrag mit einem lokalen Busunternehmen geschlossen. Das springt immer dann ein, wenn der Bürgerbus überlastet ist. Binnen 15 Minuten sammelt der Verstärkerbus jene Fahrgäste ein, die Johannes Wunsch oder einer seiner Kollegen stehen lassen musste. Immerhin einige Tausend Euro kostet den Verein der Einsatz des Verstärkerbusses pro Jahr. Und so fragt sich Dallmeyer auch angesichts der steigenden Fahrgastzahlen: Muss bald ein zweiter Bus her, oder ein größerer, wie es sich Nasar Ahmad wünscht?

Doch allzu schnell wird sich die heile Bürgerbus-Welt in Senden noch nicht ändern. Denn für eine zweiten Bus fehlen dem Verein die Fahrer, und für einen größeren hat niemand einen Führerschein. „Wir sind dabei, die Linienführung zu optimieren“, erläutert Dallmeyer die Strategie, mit der er die Fahrgastflut bewältigen will. Der Bus soll besser und gleichmäßiger ausgelastet werden. Denn eines wünschen sich alle, hat Dallmeyer in vielen Gesprächen mit Fahrgästen gelernt. „Einen Bus, der zu jeder Tageszeit fährt und die Leute möglichst bis vor die Haustür bringt. Aber das geht im kleinen Senden nicht.“



lesetipp


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Text: Andreas Schulte
Quellenangabe Fotos: Jürgen Seidel