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Faszination Hausboot

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Sanft plätschert das Wasser des Eilbekkanals an die Böschung. Bunte Herbstblätter schwimmen auf der Oberfläche und verwandeln das Gewässer in einen einzigen Flickenteppich. Am Ufer joggt ein Pärchen den kleinen Fußweg entlang, vorbei an den Hausbooten, die dort mit ihrer ausgefallenen Architektur im Licht der Sonne glänzen. Der Traum vom Leben auf dem Wasser, er liegt genau zwischen Richardstraße und Wagnerstraße keine zwei Kilometer von der Hamburger Alster entfernt. Jörg Niderehe und seine Familie haben hier, in ihrem Hausboot mit dem poetischen Namen „Traumfänger“, ihr Glück gefunden.
„Ich war einfach schon immer ein riesiger Fan der Kelly Family“, erklärt Jörg Niderehe die Anfänge seines Hausboot-Traums. Dann lacht er und zwinkert. „Nee, das war ein Scherz.“ Die bekannte Musikerfamilie, die in den 1990er-Jahren mit Liedern wie „An Angel“ die Charts stürmte und auf einem Hausboot lebte, konnte damals also doch nicht auf den heute 43-Jährigen als Fan zählen. Aber wie begann sie dann, seine Liebe zum Leben auf dem Wasser?

Der studierte Architekt, der auch beruflich viele Hausboote plant, setzt sich an den schneeweißen Küchentisch. Er reist gedanklich zurück in die Vergangenheit, während neben ihm seine Partnerin Annika Koch die gemeinsame, acht Monate alte Tochter Finja auf dem Schoß hält und Golden Retriever Nando vor den bodentiefen Fenstern im Morgenlicht döst. „Es ging in meinem Auslands­semester in Los Angeles los“, sagt er. Er lebte damals zunächst alleine in einem Zimmer und plante dann, mit einem Bekannten zusammenzuziehen. Die beiden stießen auf eine Anzeige: Hausboot zu vermieten.

„Da dachte ich nur ,Wie geil ist das denn?!'“, erinnert er sich.
Er machte sich auf den Weg in den Hafen der Millionenmetropole, um das begehrte Wohnobjekt zu suchen, musste aber angesichts der schieren Masse an Booten und Yachten kapitulieren. „Ich habe es einfach nicht gefunden.“ Dennoch hatte sich der Gedanke, eines Tages einmal ohne festen Boden unter den Füßen zu wohnen, in dem begeisterten Surfer und Segler verankert. Unzählige andere Deutsche hegen diesen Traum ebenfalls. Doch oftmals scheitert er am fehlenden Platz für das außergewöhnliche Heim.

„Genaue Zahlen über Liegeplätze in Deutschland gibt es nicht“, sagt Mirco Temp, Projektentwickler von „Floating Homes“. Die Verdener Firma hat sich auf den Markt für schwimmende Häuser spezialisiert, wie die nicht motorisierten Hausboote eigentlich heißen. Daneben gibt es viele einzelne Planer und Individualisten, die in dem Segment aktiv sind. So auch Jörg Niderehe mit der Firma Coop Water House, die er mit einigen anderen Architekten gegründet hat.
Die Stadt Hamburg mit ihren im April 2017 offiziell registrierten 36 Hausbooten im Bezirk Mitte zählt für Mirco Temp zu den Vorreitern in Sachen Hausboote. „Die anderen Städte in Norddeutschland sind längst nicht so weit.“ Zurzeit sei aber viel in Bewegung, immer mehr Kommunen würden offener werden gegenüber der alternativen Wohnform auf dem Wasser, erklärt der Experte. In kleineren Gemeinden registriert er diesen Trend stärker als in größeren Städten. In Großenbrode vor Fehmarn hat „Floating Homes“ beispielsweise gerade schwimmende Ferienhäuser errichtet, auch in der Region Sächsisches Seenland, einem ehemaligen Tagebaugebiet, passiert viel.
Bei Jörg Niderehe ploppte der Gedanke an ein Hausboot Mitte der 2000er-Jahre wieder auf. Als der gebürtige Nürnberger nach Abschluss seines Studiums nach Hamburg kam, dachte er sofort, dass es rund um Elbe und Alster doch bestimmt einige Möglichkeiten für ein Leben auf dem Wasser geben müsste. Gemeinsam mit Amelie Rost, ebenfalls Architektin, stieß er Ende 2006 auf einen Wettbewerb der Stadt Hamburg. Für das Pilotprojekt „Wohnen auf dem Wasser“ sollte das nördliche Ufer des Eilbekkanals zur Heimat von Hausbooten werden, jeder Bürger war eingeladen, einen Entwurf einzureichen. Amelie Rost und Jörg Niderehe zahlten 40 Euro Teilnahmegebühr und waren mit ihren jeweiligen Entwürfen in der Verlosung.
„Wir dachten gar nicht, dass wir gewinnen würden und haben völlig frei entworfen“, sagt Jörg Niderehe. Runde Ecken, runde Fenster – was sie zu Papier brachten, war keine gängige Architektenplanung. Aus 84 anonym eingereichten Entwürfen wählte eine Jury im Mai 2007 zehn Sieger aus, darunter Amelie Rost. Die Freude war riesengroß, denn der Sieg bedeutete, dass der Entwurf auch tatsächlich umgesetzt werden sollte. „Sonst wäre ein Nachrücker zum Zuge gekommen“, sagt Jörg Niderehe. Nur einen Haken gab es: Der Sieger erhielt kein Geld, auch die Kosten für Strom- oder Wasseranschluss musste er selbst tragen.

Weil Banken für den Bau von Hausbooten keine Kredite geben, da ihnen kein offizielles Grundstück zugeordnet werden kann – Liegeplätze in Hamburg können nicht gekauft, sondern nur gepachtet werden – half die Familie von Amelie Rost aus. Von Februar bis Ende Oktober 2009 gewann der „Traumfänger“ stetig an Form. Die Werft Buschmann am Peuter Elbdeich fertigte den 15 Tonnen schweren Stahlrumpf, den Großteil des Innenausbaus sowie die Fassade und die Terrasse des zweigeschossigen, insgesamt 90 Tonnen schweren Boots erledigten die Architekten mit zahlreichen Helfern in Eigenregie. Für die Haustechnik, den hölzernen Aufbau und die Fenster kamen dann wieder externe Handwerksfirmen zum Zuge. Am 1. November 2009 war das Hausboot schließlich bezugsfertig, auch wenn es noch weitere anderthalb Jahre dauerte, bis wirklich alles auch im Inneren so aussah, wie es sein sollte.

Weil sich Jörg Niderehe nur schwer vorstellen konnte, irgendwo anders als auf einem schwimmenden Heim zu wohnen, kaufte er Amelie Rost das Hausboot schließlich offiziell ab. Für seine Partnerin Annika Koch war das Leben dort anfangs eine völlig neue Erfahrung, wenn auch weniger wackelig als gedacht. „Ich hätte erwartet, dass man das Wasser mehr spürt.“ Nur wenn Ruderer vorbeifahren oder es sehr stürmisch ist, stellt sich das besondere, schwankende Boots-Gefühl ein. Dieses Gefühl ist das Eigentliche, das den Charme des Lebens abseits des festen Grundes ausmacht. Wenn Enten vorbeischwimmen, Schwäne kommen und man auf der Terrasse nur wenige Zentimeter über der Wasseroberfläche sitzt, macht sich eine Ruhe breit, die es nirgendwo anders gibt. „Das Tolle ist, dass wir trotz der Nähe zur Stadt so nah dran sind an der Natur“, sagt sie.

Auch Schwimmen ist im Eilbekkanal nicht verboten, wenngleich in heißen Sommern die Blaualgen nicht gerade Lust darauf machen. Der modderige Grund lädt zwar ebenfalls nicht dazu ein, dafür ist das Wasser mit etwa 1,60 Meter am Ufer und etwa 2,40 Meter in der Mitte flach genug, um Gegenstände, die hineinplumpsen, mit etwas Glück schnell wieder zu finden. „Uns ist einmal ein Schlüsselbund reingefallen, da bin ich gleich hinterhergesprungen und hab ihn tatsächlich erwischt“, erzählt Jörg Niderehe.

Da Töchterchen Finja kurz vor dem Krabbelalter steht, wird die nächste Aufgabe der Eltern sein, das Hausboot kindersicher zu machen. „Das Terrassengeländer lädt jetzt zu sehr zum Klettern ein, das müssen wir ändern“, sagt er. Im Inneren müssen sie noch neue Trennwände zwischen Wohn- und Kinderzimmer einziehen und bei der Aufstellung der Kindermöbel darauf achten, dass das Gewicht gleichmäßig verteilt ist. Das Hausboot könnte sonst auf eine Seite kippen. Deshalb hat das Boot mit seiner Wohnfläche von 110 Quadratmetern auch eine offizielle Zulassungszahl von 120 Personen. „Große Partys dürften wir hier also feiern“, sagt er.

Eine weitere Besonderheit ist, dass die Schlafzimmerfenster von außen nur mit Hilfe eines Kanus geputzt werden können, womit sich das Ganze etwas aufwändiger als in einer normalen Wohnung gestaltet. Ebenfalls aufwändiger ist die Instandhaltung des Rumpfs. Ein Taucher muss alle zehn Jahre kontrollieren, ob dort unten alles in Ordnung ist. Alle 20 bis 25 Jahre muss der Rumpf zudem neu beschichtet werden. Ansonsten ist das Boot für mindestens 80 Jahre gebaut. „Ähnlich wie ein Haus“, sagt Jörg Niderehe.
„Wie haben Sie es bloß geschafft, auf dem Wasser zu wohnen?“ Diese Frage hören die beiden immer wieder. Von Stand-up-Paddlern, die zufällig vorbeikommen, oder von Spaziergängern, die am Ufer entlang gehen und manchmal einfach bei ihnen klingeln, um mehr zu erfahren. Ja, wie haben sie es geschafft? Etwas Glück gehörte dazu, Kreativität, ein echter Wille und – ganz banal – handwerkliches Geschick. „Es sind so oft kleinste Dinge zu reparieren. Wenn wir da jedes Mal jemanden kommen lassen müssten, würde das gar nicht gehen“, sagt er. Ein Hausboot-Besitzer packt selber an.


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Und das kostet ein Hausboot?

Die Kosten für ein Hausboot belaufen sich auf durchschnittlich 3500 bis 4000 Euro pro Quadratmeter. Inklusive der Erschließungskosten, die ein Bauherr selbst tragen muss, ist man insgesamt rasch bei einer halben Million Euro. Das ist in etwa so viel wie ein Einfamilienhaus auf dem Lande kostet. An Planungszeit sollte man etwa neun Monate einkalkulieren, für den Bau noch einmal so viel.
Hinzu kommt das Genehmigungsverfahren, das jedoch vergleichsweise aufwendig ist.

 

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Lesetipps: „Faszination Hausboot“

Hamburg ist in Deutschland Vorreiterstadt für das Leben auf dem Wasser, die Zahl der offiziell genehmigten Hausboote lag im April 2017 im Bezirk Mitte bei 36. Es gibt noch Potenzial für 40 weitere Hausboote. Die Idee der schwimmenden Häuser geht auf den Wettbewerb „Hamburg – Wachsende Stadt“ aus dem Jahr 2003 zurück.

www.hamburg.de/hausboote-schwimmende-haeuser/
www.hamburg.de/start-liegeplaetze/
www.hamburg.de/mitte/wasserleben/3070514/genehmigungsleitfaden/

 


Text: Ingo Neuling
Quellenangabe Fotos: Hauptbühnenbild: Hauke Dressler, Bühnenbild „Haus-Traum verwirklichen“: Jörg Niderehe, Bühnenbild „Von der Idee zum Beruf“: Jörg Niderehe, Bühnenbild „Stadt der Hausboote“: Hauke Dressler, Bühnenbild „Mit Traumfänger zum Sieg“: Jörg Niderehe,
Bühnenbild „Nie mehr ohne Wasser“: Ingo Neuling, Bühnenbild „Gebaut für 80 Jahre“: Jörg Niderehe, Teaserbild „Und das kostet ein Hausboot?“: Jörg Niderehe, Teaserbild „Faszination Hausboot“: Ingo Neuling