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„Hört wieder auf euren Bauch!“ – Wie Mütter die Geburt entspannter meistern

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Seit mehr als 30 Jahren begleitet Anke Bertram Frauen durch die Schwangerschaft, Geburt und in der Zeit des Wochenbetts. Sie hat in großen Kliniken und kleinen Krankenhäusern gearbeitet, als angestellte Hebamme und als Beleghebamme. Zuletzt hat sie zahlreiche Hausgeburten begleitet und ist erste Vorsitzende im Hebammenverband Schleswig-Holstein. Anke Bertram kennt Sorgen, Ängste und Herausforderungen von werdenden Müttern und Vätern und hat wertvolle Tipps, wie Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett entspannter gelingen. Ihr Appell: „Hört wieder auf euren Bauch!“


Frau Bertram, Sie begleiten Schwangere und Paare seit Jahrzehnten. Was ist heute anders als zu Beginn Ihrer Arbeit als Hebamme?
„Das Thema Sicherheit ist bei Schwangeren heute noch wichtiger. Die Frauen wollen nichts falsch machen.“


Aber das möchte doch niemand, sicher auch vor Jahrzehnten nicht?
„Ich meine damit, dass Frauen früher gelassener waren. Eine Schwangerschaft war Teil des Lebens, als solche auch besonders, aber es wurde nicht viel Aufhebens darum gemacht. Heute möchten Schwangere oft das Rundum-Sorglos-Paket und neigen dazu, jede Untersuchung und jedes Angebot anzunehmen, ganz egal, wie sinnvoll diese sind oder nicht. Da schwingt ganz viel Unsicherheit mit – nach dem Motto: Was, wenn ich irgendetwas übersehe?“


Ist das nicht menschlich?
„Menschlich schon, aber natürlich und oft einfach auch nicht sinnvoll. Nehmen wir ein Beispiel: Inzwischen werden Ultraschall-Flatrates in Praxen angeboten, Babyfernsehen mitunter in 4D-Qualität – quasi eine lückenlose Überwachung des Fetus. Schwangeren wird damit jedoch eine Sicherheit vorgegaukelt, die gar nicht vorhanden ist. Ich habe oft erlebt, dass Auffälligkeiten während der Ultraschalluntersuchung übersehen wurden. Ganz bestimmt nicht mit Absicht, aber es kommt durchaus vor. Für das Sicherheitsgefühl ist meiner Erfahrung nach nicht das x-te Ultraschallbild ausschlaggebend, sondern vielmehr die Kompetenz der werdenden Mutter. Viele Frauen vergessen, dass sie naturgegeben diese Kompetenz in sich tragen. Und an dem alten Sprichwort „Wer viel misst, misst viel Mist.“ ist auch was Wahres dran.“


Vermutlich wird der ein oder andere einwenden: So ein Ultraschallbild mehr oder weniger ist doch auch kein Problem…
„Ist es leider doch. Es gibt zahlreiche Erhebungen, die Ultraschall beim ungeborenen Kind in Verbindung bringen mit zum Beispiel hyperkinetischen Störungen, also Aufmerksamkeitsstörungen, Hyperaktivität usw. Auf die Entwicklung des Gehirns des Kindes können Ultraschallwellen Einfluss nehmen. Ein Grund, warum ab 2021 nur noch Ultraschall und CTG – damit wird der Herzschlag des ungeborenen Kindes untersucht – durchgeführt werden dürfen, wenn sie medizinisch indiziert sind und eine Risiko-Nutzen-Abwägung erfolgt ist. Ärzte haben darüber hinaus künftig umfangreiche Aufklärungspflichten gegenüber den Eltern. Ein anderes Beispiel ist die Nackenfaltenbestimmung.“


Damit wird das ungeborene Kind auf Chromosomenanomalien getestet?
„Richtig. Ich kann verstehen, dass Eltern wissen möchten, ob ihr Kind zum Beispiel unter einer Trisomie 21, dem sogenannten Down-Syndrom leidet. Nur stelle ich in der Praxis fest: Viele Eltern beschäftigen sich nicht mit den Folgen der Ergebnisse einer solchen Untersuchung.“


Was meinen Sie konkret?
„Dass sich viele Paare nicht darüber im Klaren sind, wie sie mit einem Ergebnis umgehen, mit dem sie eigentlich nicht rechnen. Die Nackenfaltenbestimmung erfolgt zum Beispiel zwischen der 11. und 14. Schwangerschaftswoche. Das Untersuchungsergebnis gibt lediglich eine Wahrscheinlichkeit wieder. Die Eltern wissen also im Anschluss nicht, ob das Kind wirklich eine genetische Anomalie aufweist, sondern nur, ob die Wahrscheinlichkeit erhöht ist, dass ihr Kind etwa eine Trisonomie 21 ausbildet.

Ich habe viele Paare erlebt, bei der die Untersuchung ein erhöhtes Risiko für das Kind ergeben hat und die dann völlig verzweifelt waren, weil sie nicht wussten, wie sie mit dem Ergebnis umgehen sollten. Einige überlegen, ob sie das Kind überhaupt noch bekommen sollten. Dabei ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es völlig gesund zur Welt kommt. Und über genau dieses Dilemma, in das so eine Untersuchung Eltern stürzen kann, machen sich die wenigsten vorab Gedanken.“


Was raten Sie Schwangeren?
„Traut euch, auf euer Bauchgefühl zu hören statt jeden Trend mitzumachen. Übernehmt Verantwortung für euch selbst, statt unnötigen Zusatzangeboten, sogenannten IGL-Leistungen, zu vertrauen, die allzu oft ein falsches Sicherheitsgefühl vermitteln. Und überlegt euch gemeinsam als Paar, was Untersuchungsergebnisse für euch bedeuten könnten. Wenn es etwa außer Frage steht, dass auch ein Kind mit Behinderung willkommen ist, könnten die werdenden Eltern alles auf sich zukommen lassen und ersparen sich ggf. monatelange unnötige Sorgen.“
Anke Bertram
Ein Mann mit seiner schwangeren Frau
Anke Bertram

Was ist neben den Untersuchungen vor der Geburt wichtig?
„Eine gute Planung. Werdende Eltern können schon vor der Geburt des Kindes viel dafür tun, dass nach der Geburt alles entspannter ist. Ich rate stets dazu, alle Behördengänge und bürokratischen Anträge rechtzeitig anzugehen. Ich weiß, das ist lästig, aber unverzichtbar und wenn das Kind erstmal da ist, ein zusätzlicher Stressfaktor, den niemand braucht. Sowieso stressen sich Mütter heute viel zu sehr.“


Wie meinen Sie das?
„Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Frauen und Männer nehmen heute zahlreiche Rollen ein. Die Grenzen zwischen Erziehung, Arbeit und Haushalt sind heute fließend und nicht mehr klar getrennt, wie vielleicht noch bei unseren Eltern. Auch die Erwartungshaltung der Gesellschaft an die frisch gebackenen Eltern hat sich geändert, ebenso ist der Anspruch der Frauen an sich selbst oft sehr hoch. Sie möchten schnell wieder fit sein, natürlich Familie, Beruf und Beziehung spielend meistern und gestehen sich selbst nur selten Schwächen ein. Dabei hat es einen Grund, warum wir vom Wochenbett sprechen.“


Sie meinen die Zeit nach der Geburt …
„Genau. Nicht umsonst ist von „Wochen“ und „Bett“ die Rede, nicht von Tagen und Herumlaufen. Traditionell geht es um die Zeit von der Entbindung bis zur Rückbildung der schwangerschafts- und geburtsbedingten Veränderungen. Körper und Geist sollen sich erholen, Mutter und Kind eine Bindung aufbauen und zueinander finden. Ich kenne aber kaum noch eine Frau, die das Wochenbett einhält.“


Woran liegt das Ihrer Ansicht nach?
„Die Frauen werden heute sehr schnell aus den Krankenhäusern entlassen. Kliniken müssen wirtschaftlich arbeiten und bekommen für eine Geburt fest definierte Sätze. Bleibt eine junge Mutter länger als vorgesehen, kostet das die Klinik also Geld. Zeitgleich wollen viele Frauen schnell nach Hause. Schließlich gilt eine schnelle Rückkehr als Stärke. Nach dem Prinzip: Seht nur, wie einfach das alles ist.

Nehmen Sie das Beispiel von Kate Middleton. Die zeigte sich mit Prinz William noch am Tag der Geburt strahlend schön der Öffentlichkeit. Als ob eine Geburt ein Klacks sei. Das Ideal, das sie damit jedoch Millionen Schwangere suggeriert, ist alles andere als vorbildlich. Im Gegenteil: Eine Geburt ist physisch wie psychisch ein Ausnahmezustand. Insbesondere bei der ersten Geburt. Weder Mutter noch Vater wissen, was wirklich auf sie zukommt. Für einige ist es auch ein traumatisches Erlebnis. So schön und wundervoll eine Geburt auch ist, sie ist ganz bestimmt kein Spaziergang und das Wochenbett ist zur Regeneration und für die Eltern-Kind-Bindung enorm wichtig. Ich gebe den Schwangeren, die ich betreue, immer auf den Weg: Eine Woche im Bett, eine Woche am Bett, eine Woche ums Bett.“


Drei Wochen Ruhe?
„Genau. Dieser Rat soll Müttern veranschaulichen, wie wichtig es ist, sich und dem Kind und der jungen Familie Ruhe zu gönnen. Es muss weder sofort Besuch empfangen noch Kuchen gebacken werden. Der Alltag sollte erstmal Pause machen.“


Aber Eltern, Geschwister und Freunde wollen das Neugeborene doch sehen und die stolzen Eltern es oft selbst auch präsentieren?
„Ich weiß, aber das ist weder gut fürs Kind noch gut für die Mutter. Bewusst oder unbewusst setzen sie sich unter Druck. Die Wohnung muss aufgeräumt sein, natürlich will man sich von der besten Seite zeigen und bloß keine Blöße geben. Dabei werden nicht nur Eltern, sondern auch das Neugeborene gestresst. Die Unruhe wirkt sich nachweislich negativ auf die Entwicklung des Kindes aus. Atmungs- und Verdauungsprobleme können die Folge sein. So skurril es klingen mag, aber Corona tut da gerade viel Gutes.“


Was hat Corona mit dem Wochenbett zu tun?
„Allenthalben entschleunigen die Menschen, wenngleich gezwungenermaßen. Frisch gebackene Mütter gönnen sich mehr Zeit und Muße. Sie bekommen weniger Besuch, weil jeder vorsichtig ist und niemand Mutter oder Kind infizieren möchte oder der Besuch gar nicht ins Krankenhaus darf. Alle zusammen tun damit Mutter und Kind viel Gutes, denn schon lange wissen wir aus Studien, dass Kinder von Müttern, die das Wochenbett einhalten, weniger oft Schreikinder sind und es auch seltener Probleme beim Stillen gibt. Mein Rat lautet daher: Gönnt euch die Zeit, die ihr braucht und lasst Hilfe von anderen zu – beim Einkaufen, bei der Hausarbeit, beim Windelnwechseln und bei was immer euch auch guttut.“


Aber nicht jeder hat eine Familie, die in der Nähe ist und unterstützen kann…
„Das ist richtig. Großfamilien gibt es nur noch selten, Familienbande lösen sich auf, Familien wohnen weit auseinander oder sind zerstritten. Aber dennoch hat doch jeder irgendjemanden, der ihm nahe steht und dem er sicher um Hilfe bitten kann. Auch das sollte man vor der Geburt bereits im Blick haben.“


Was möchten Sie werdenden Müttern abschließend auf den Weg geben?
„Eine Geburt und ein Kind sind ein wertvolles Geschenk, das es mit Bedacht zu schützen gilt. Jede Frau wird mit einer natürlichen Intuition geboren. Viele haben jedoch verlernt, auf ihr Bauchgefühl zu hören. Statt in sich zu horchen, wälzen sie Ratgeber oder schauen Videos im Internet an. Bei allem Eifer übersehen sie jedoch das Wesentliche: Seit Jahrtausenden bekommen Frauen Kinder – ohne Internet, ohne Bücher, ohne Krankenhäuser. Es ist das Wunder, das man Leben nennt. Darauf dürfen und sollten sie vertrauen.“
Ein Neugeborener mit seiner Mutter
Babyhand

Die 7 wichtigsten Hebammen-Tipps für werdende Mütter

  1. Traut euch und eurer Intuition. Vollständige Sicherheit gibt es nicht.
  2. Folgt nicht jedem Trend. Prüft lieber genau, was wirklich medizinisch sinnvoll für euch ist.
  3. Gönnt euch Zeit, denn wer das Wochenbett einhält, tut sich und dem Kind langfristig viel Gutes.
  4. Lasst Hilfe zu. Es ist okay, andere zu fragen und gemeinsam geht vieles leichter.
  5. Folgt eurem Instinkt – egal, was andere sagen.
  6. Wartet nicht zu lange. Erledigt bürokratische Anträge und die Suche nach einer Hebamme rechtzeitig.
  7. Genießt die Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett. Ein Kind ist ein großes Wunder.

Tipp

Mit der Geburt stellt sich oft auch die Frage der Absicherung. Wie kann ich am besten für mein Kind vorsorgen? Welche Versicherungen muss ich jetzt anpassen oder abschließen und wer hilft mir, wenn ich Fragen habe? Die Provinzial lässt Sie nicht allein und hat für Sie viele hilfreiche Infos zu diesen Themen gebündelt.



Text: Meike Lücke
Quellenangabe Fotos: Anke Bertram, Direct an der Alster, shutterstock/gpoinstudio, Perlbach