Sie befinden sich hier: Hamburger Feuerkasse /Service /Online-Magazin

Der große Traum vom kleinen Haus

  • Bild4
Ob in Zeitschriften, Büchern, Zeitungsartikeln oder im Netz, dem Tiny House kann man derzeit kaum entgehen. Immer mehr Menschen scheinen von dieser Idee des alternativen Wohnens fasziniert zu sein. So wie Max Watzlawek alias Max Green, der es sich vor seinem nagelneuen Tiny House bequem gemacht hat und die frische Herbstluft einatmet. „Ich halte es in der Stadt kaum noch aus“, sagt der Youtuber und Öko-Unternehmer. Gemeinsam mit seiner Partnerin hat er deshalb ernst gemacht. Beide haben ihre Wohnung gekündigt, die meisten Besitztümer verkauft oder verschenkt und den Sprung in ein neues Leben im Tiny House gewagt.
Raus aus der Metropole, hinein ins brandenburgische Landleben. Was sich so einfach anhört, ist durchaus komplex, wenn das neue Dach über dem Kopf ein sogenanntes Tiny House sein soll. Neun Monate intensive Vorbereitung hat Max Green in diesen Ortswechsel gesteckt. Das rollende Minihaus hat er sich nach eigenen Vorstellungen bauen lassen. Stromversorgung, Raumaufteilung, Materialien – die Liste der zu treffenden Entscheidungen ist lang. Die Entstehung und seine Überlegungen hat Green auf Youtube dokumentiert. Manche seiner Tiny-House-Videos haben schon über 30 000 Zugriffe, 12 000 Abonnenten schauen sogar regelmäßig vorbei.
  • Bild3

Nachhaltig wohnen

Gleich mehrere Trends und Entwicklung kommen gerade zusammen und machen das Tiny House zum Zentrum vieler Wünsche. Nachhaltigkeit, und damit das Ziel, den eigenen ökologischen Fuß­abdruck zu reduzieren, ist für die Generation der Millenials besonders wichtig. Andere möchten achtsamer mit sich selbst umgehen. Das skandinavische Wörtchen „Hygge“ ist zum Codewort für die Flucht aus dem kalten Alltag geworden: dem Stress entfliehen, die Natur spüren, die Ketten der Hochleistungsgesellschaft abstreifen. Da passt das Tiny House prima ins Bild. Die kleine Hütte am See oder das Häuschen auf Rädern werden zum neuen Sehnsuchtsort.
Dabei kommt die Bewegung eigentlich aus den USA und ist ein Kind der Finanzkrise von 2008. Die Bewohner im Land der unbegrenzten Möglichkeiten waren schon immer mobiler. Was liegt da näher, als auch die eigenen vier Wände so zu gestalten, dass man sie einfach mitnehmen kann? Das dachten sich viele, die von der Immobilien- und Wirtschaftskrise geschüttelt waren. Außerdem haben die Amerikaner ein tief in der Pionierzeit wurzelndes Verhältnis zur „Cabin“, zur Hütte im Wald. Deren Gene haben sich auf die Tiny Homes vererbt, und so vereinigte sich in ihnen die Last des Mobil-Seins mit der Lust am einfachen Leben und am Downsizing.
Tiny_House_Teaser_3
  • Bild16

Mobiles Heim

Seit einigen Jahren ist die Tiny-House-Welle auch nach Deutschland geschwappt. „Die Zahl der Hersteller ist mittlerweile auf rund 30 gestiegen“, schätzt Stefan Diekmann, dessen Schreinerei im westfälischen Hamm zu den ersten Anbietern gehörte. Er produzierte auch die Tiny Houses, die im Sommer 2018 über den Kaffeeröster Tchibo verkauft wurden – eine Aktion, die für große Aufmerksamkeit sorgte und klar machte: die Minihäuser sind schon fast im Mainstream angekommen. Wer die Freiheit eines Mini-Heims genießen möchte, muss sich in Deutschland allerdings über hohe bürokratische Hürden quälen. Die Stellplatzsuche kann zu einem großen Problem werden. Um das komplexe Baurecht zu umgehen, werden Tiny Houses hier in der Regel auf PKW-Anhänger gebaut und als „Trailer mit Sonderaufbau“ oder gleich als „Wohn­wagen“ zugelassen. Beides erfordert eine darauf ausgerichtete Statik und große Anstrengungen bei der Gewichtsre­duzierung. Das Ziel: ein ganzes Haus unter 3,5 Tonnen. Denn so schwer sollte die Kombination aus Anhänger und Aufbau höchstens sein, um sie gerade noch selbst transportieren zu können. Das geht, aber nur mit Leichtbau und entsprechenden Materialien. Wer keinen alten Führerschein Klasse 3 hat, benötigt für den Transport den zusätzlichen Führerschein der Klasse BE.

Tipp

Denken Sie daran, dass Sie Ihr Tiny House für den Transport versichern. Setzen Sie sich einfach mit Ihrem Berater in Verbindung. Der informiert Sie gerne über den richtigen Versicherungsschutz.
  • Bild9

    Wohnen auf 25qm

Tiny-House-Enthusiast Max Green hat diesen Führerschein extra gemacht, um sein Haus selbst durch die Gegend fahren können. „Über 1000 Kilometer haben wir die 3,5 Tonnen durch Deutschland gezogen, das war ganz schön aufreibend“, erinnert er sich. Aber ein solches mobiles Heim soll ja auch nicht jeden Tag bewegt werden. Doch alleine die Option zu haben, ist ein gutes Gefühl. „Vielleicht wollen wir eines Tages irgendwo ins Ausland gehen, dann nehmen wir unser Tiny House einfach mit“, so Green. Im Augenblick sind der 32-Jährige und seine Partnerin jedoch erst einmal froh, die Anfangsprobleme im Mini-Heim bewältigt zu haben. „Nach sechs Wochen hat endlich alles seinen Platz gefunden, nichts liegt mehr herum“, so Green.
Ordnung zu halten ist die Basis, um auf kleinstem Raum klar zu kommen. Um dorthin zu gelangen, empfiehlt Max Green, dass man sich als Tiny-House-Bewohner von den meisten Besitztümern trennen sollte. „Wenn man grundsätzlich ein Problem hat, sich zu reduzieren oder an seinem Kleiderschrank hängt, dann ist das Tiny House vielleicht nicht das Richtige für jemanden.“ Er empfiehlt allen Interessierten zudem, sich möglichst viele Musterhäuser anzusehen und einmal für eine Woche in ein Tiny House zu ziehen. Nur so bekommt man ein Gefühl für den Raum. „Unsere Besucher sagen immer, das ist ja viel größer als es auf Bildern aussieht“, sagt Green, dessen rollendes Heim rund 25 Quadratmeter Nutzfläche zu bieten hat.
  • Bild12
Ein Tiny House zum Probewohnen zu finden, ist mittlerweile kein Problem mehr. Immer mehr Campingplätze richten Areale für die Miniheime ein und bieten sie an. In Norddeutschland ist die Landkarte der Anbieter allerdings dünn. Bislang scheint vor allem der Süden der Republik von Tiny-House-Fieber erfasst zu sein. Das bestätigt auch Hersteller Stefan Diekmann: „Nur wenige unserer verkauften Häuser gehen Richtung Norden.“ Wer sucht, findet aber auch an den Küsten einige Nischenanbieter, die auf den Tiny-House-Zug aufgesprungen sind.
Hier lässt es sich dann nicht nur entspannen, sondern auch testen, wie gut man auf wenigen Quadratmetern zurecht kommt. Natürlich ist ein Urlaub kein Alltag, aber für einen ersten Eindruck ist das sehr nützlich. Und wer schon lange darüber nachdenkt, durch weniger Besitz zu mehr Flexibilität zu gelangen, der ist vielleicht tatsächlich ein Kandidat für das reduzierte Leben im Tiny House. Denn was ist es eigentlich, was diese Form alternativen Wohnens so attraktiv macht? Max Green weiß es: „Das erste, was einem Tiny-House-Bewohner dazu einfällt, ist das Wort Freiheit.“


Bild10


Lesetipps: „Tiny House“

Die Faszination des Wohnens auf kleinstem Raum vermittelt das Buch „Winzig“ aus dem DVA Verlag. Sandra Lette: Winzig, DVA, ISBN 978-3421040237 https://www.randomhouse.de/Buch/Winzig/Sandra-Leitte/DVA-Bildband/e490660.rhd

Legal wohnen im Tiny House? Keine einfach zu beantwortende Frage, aber das deutsche Tiny House Forum hilft weiter: https://www.tinyhouseforum.de/index.php?thread/1096-tiny-houses-und-das-deutsche-baurecht-legal-wohnen-im-tiny-house/


Text: Torsten Meise
Quellenangabe Fotos: Max Green, Tiny House Diekmann, Nicola Boullosa